Michael Reisch


In democratic societies

 

Wie wird Geschichte konstruiert und wie verhalten sich aktuell die verschiedenen Ideologien und Versionen von Gegenwart und Geschichte zueinander? Welche Rolle spielen Fakten im Verhältnis zu ihren digitalen Repräsentationen, spielt der Verlust von Bedeutung unter digitalen Bedingungen? Wie werden in Zeiten von digitaler Dominanz, Techno-Faschismus, von digitalen Echokammern, von Post-Truth und Postfaktizität, sowie des Erstarkens der extremen Rechten und des Verlusts einer gemeinsamen Wirklichkeit Erkenntnisse und Werte gebildet bzw. verhandelt? Auf welche Weise sind die Fotografie vor dem Hintergrund ihres tradierten Realitätsbezugs und Wahrheitsanspruchs und die neuen, fotografiebasierten digitalen Werkzeuge wie z.B. KI in diese gesellschaftspolitischen Entwicklungen und Aushandlungen involviert? Welche Rolle spielen sie bei der Konstruktion von Geschichte und Identität?

 

 

In democratic societies

 

How is history constructed, and how do the various ideologies and versions of the present and of history currently relate to one another? What role do facts play in relation to their digital representations, and what role does the loss of meaning play in digital conditions? In times of digital dominance, techno-fascism, digital echo chambers, post-truth and post-factuality, as well as the rise of the extreme right and the loss of a shared reality, how are insights and values formed and negotiated? How are photography, with its traditional connection to reality and truth claim, and new photography-based digital tools such as AI involved in these socio-political developments and negotiations? What role do they play in the construction of history and identity?

 

 

 

 

Michael Reisch, 1-2026  

Work in progress: In democratic societies / „Rossebändiger“

 

 

Work in progress / Statement

 

Demokratiegefährdung, postfaktische Bewegungen, ein heftiges Ringen um politische Deutungshoheit, Versuche die Geschichte um- bzw. neu zu schreiben, vor allem von Seiten der Neuen Rechten, sind die neue gesellschaftspolitische Realität 2026. Unter anderem als Reaktion auf diese Entwicklungen arbeite ich momentan an der Arbeit In democratic societies / "Rossebändiger, von der ich hier erste Ergebnisse veröffentliche. (Work in progress).

 

Meine Arbeit basiert auf der Parallele der heutigen gesellschaftspolitischen Entwicklungen zur Zeit des Nationalsozialismus in den 1930-1940er Jahren in Deutschland, wobei ich von den physischen Spuren der NS-Zeit ausgehe. Diese sind in vielen Teilen Deutschlands noch erhalten und sichtbar, so wurde der Düsseldorfer Nordpark, zu dem auch mehrere historische Skulpturenensembles gehören, unter dem NS Regime für die Große Reichsausstellung  Schaffendes Volk 1937 angelegt. Mein persönliches und zwiespältiges Interesse gilt hier den beiden monumentalen, 12 m hohen Rossebändiger-Skulpturen von Edwin Scharff (1887-1955) aus den Jahren 1937-1940, die – weitgehend unkommentiert – den Eingang des heutigen Nordparks bzw. des Aquazoos an der Kaiserwerther Straße 390 in 40474 Düsseldorf flankieren.

 

Historie

 

In den unten angefügten Quellen ist zu den Rossebändiger-Skulpturen von Edwin Scharff zusammengefasst Folgendes zur Historie zu finden: Die Rossebändiger wurden von der Stadt Düsseldorf unter dem damaligen NS-Regime für die Große Reichsausstellung Schaffendes Volk, der zu damaliger Zeit wichtigsten Propagandaausstellung Nazideutschlands, bei Scharff in Auftrag gegeben. Zur Eröffnung der Ausstellung 1937 waren die Skulpturen nicht zur Gänze fertiggestellt und es kam zu einem Eklat, Fotos der eigentlich als NS-Propaganda konzipierten Rossebändiger wurden in der Ausstellung Entartete Kunst in München, ebenfalls 1937, gezeigt, nach 2 Tagen allerdings (anscheinend mit dem Hinweis auf ein Versehen) wieder entfernt. Die Arbeiten an den Skulpturen wurden (nach diversen finanziellen Streitigkeiten) ohne Scharff 1938 wieder aufgenommen und bis 1940 unter dem Naziregime fertiggestellt. Edwin Scharff verlor in der Folge der Ereignisse seine Anstellung als Professor an der Kunstakademie Düsseldorf.

 

Quellen:

 

 - „Vom Werkbund zum Vierjahresplan. Die Ausstellung Schaffendes Volk, Düsseldorf 1937“ (ISBN 3-7700-3045-1), Dissertation, Stefanie Schäfers, Droste Verlag, 2001.

- Stadtarchiv Düsseldorf, Akte Bestand 0-1-18 Schaffendes Volk

https://emuseum.duesseldorf.de/objects/140736/rossebandiger, abgerufen am 15.12.2025

 

 

Kulturkämpfe: Zur Deutungshistorie der Rossebändiger

 

Für mich insbesondere interessant ist die oben beschriebene Unschärfe der Situation und das historische Ringen um Deutung, das sich an den beiden Rossebändigern festmacht:

Aus den o.g. Quellen geht hervor, dass die 12 m hohen Granit-Skulpturen als monumentale ideologische Wahrzeichen bei Scharff in Auftrag gegeben wurden, sie waren als Staatskunst und Propaganda für das NS-Regime entworfen und gebaut, dann in der Folge von den Nationalsozialisten selbst als „entartet“ eingestuft, dem wiederum das Entfernen der Rossebändiger-Fotos nach zwei Tagen aus der Ausstellung Entartete Kunst in München und auch der Weiterbau bzw. die Fertigstellung der Skulpturen unter dem NS-Regime bis 1940 widerspricht.

 

(Randbemerkung: Die zeitweise Einstufung als sogenannte „Entartete Kunst“ durch die Nationalsozialisten ist in den Quellen zwar meist durch die dem Pferd unterlegene Körperhaltung des Pferdehalters begründet, der nicht (wie bei z.B. Josef Thoraks Fahnenträger von 1937) das Pferd dominierte, wobei sich aus meiner Sicht als Gegenbeispiel z.B. die in der Großen Deutschen Kunstausstellung 1937 ausgestellte Rossebändiger-Bronzeskulptur von Georg Müller anführen, der man dies ebenfalls hätte unterstellen können, die aber nicht beanstandet wurde. Quelle: https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Gro%C3%9Fe_Deutsche_Kunstausstellung_(1937-1944), abgerufen 23.3.2026).

 

Difficult Heritage  

 

Heutzutage werden die Rossebändiger allgemein als von den Nazis so bezeichnete „Entartete Kunst“, und somit als aus 2026er-Sicht tendenziell moralisch einwandfreie bzw. rehabilitierte Kunst verstanden. Diese Einschätzung ist aus meiner Sicht nicht haltbar und undifferenziert: Durch die initiale Konzeption der Rossebändiger als NS-Propaganda bzw. als NS-Staatskunst ist vielmehr eine Zuschreibung als „difficult heritage“ meines Erachtens notwendig. Die Rossebändiger-Skulpturen sind keine freien künstlerischen Arbeiten Scharffs, sondern Auftragsarbeiten für eine NS-Propaganda-Ausstellung und ein Versuch, der Ideologie des Nationalsozialismus an der Stelle eine Form zu geben. Der Staatskunst- bzw. Nazi-Propagandaaspekt und somit auch der ideologische Makel sind in die Rossebändiger-Skulpturen aus meiner Sicht ohne Zweifel eingeschrieben. Auch stehen die Rossebändiger prominent am Eingang des Düsseldorfer Nordparks und Aquazoos in Düsseldorf mit jährlich ca. 500.000 Besucher:innen, und tragen dort unübersehbar eine mit dem Nationalsozialismus konnotierte Ästhetik nach außen, die Skulpturen können auf der visuellen Ebene auch heute noch als Symbole des Nationalsozialismus und Faschismus gelesen werden, (eine Kommentierung vor Ort ist aus meiner Sicht unzureichend bzw. im direkten Umfeld nicht vorhanden, siehe oben), so dass ich die Deutung der Rossebändiger-Skulpturen kritischen Befragung mit den Mitteln der Kunst unterziehen möchte.

 

 

Ziel der Arbeit

 

Vielmehr geht es mir in In democratic societies / "Rossebändiger" in erster Linie um die verschiedenen Deutungsversuche und wechselnden Bedeutungszuschreibung der Skulpturen von außen als strukturelles Phänomen, und im Abgleich der NS-Zeit mit der heutigen Zeitebene. Mich interessiert gerade die Widersprüchlichkeit, die Unschärfe der Situation angesichts der ideologischen Gemengelage, das Ringen von verschiedenen Kräften um Deutungshoheit, wobei die Parallelität besagter historischer zu heutigen gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen und Kulturkämpfen für mich (leider) denkwürdig sind.

 

Die "Rossebändiger"- Skulpturen dienen mir dabei als Projektionsfläche für wechselnde Deutungskämpfe durch verschiedene politische Zerrkräfte, sowohl aus dem rechten wie auch aus dem linken Spektrum (Neue Rechte, Cancel culture, etc.)

 

(Die historischen Umstände sind wichtige Hintergrundinformationen zum generellen Verständnis bzw. für mich selbst zur Durchführung meiner Arbeit. Es ist dabei ausgesprochenermaßen nicht meine Absicht, mir ein im kunstwissenschaftlichen Sinne objektiviertes Urteil über das künstlerische Werk oder die Person Edwin Scharff und seine persönlichen und künstlerischen Motivationen anzumaßen).

 

 

Mediale Aspekte

 

Insbesondere liegt mein Augenmerk auch auf der Verknüpfung der gesellschaftspolitischen und der medialen Ebene. Das Ringen um Deutungshoheit auf der gesellschaftspolitischen Seite ist aus meiner Sicht eng mit den Diskursen zum Dokumentcharakter, zum Faktenbezug und zur Autorität fotografischer Bilder bzw. aktuell der Infragestellung dieser Autorität  verknüpft. Der tradierte Wahrheitsanspruch der Fotografie, ihr direkter Bezug zur physisch existenten Realität und damit ihre Glaubwürdigkeit werden durch die neuen digitalen Werkzeuge, insbesondere durch bildgenerierende Künstliche Intelligenz aktuell massiv untergraben (wobei auch die zunehmende Nutzung von KI durch die Neue Rechte eine nicht zu vernachlässigende Rolle einnimmt).

 

Arbeitsprozess

 

Besonders wichtig ist mir in In democratic societies / "Rossebändiger" das Verhältnis von „Fakt“ und „Fiktion“ im Verhältnis zu den medialen Werkzeugen. Ich setze sowohl Werkzeuge mit starkem Faktenbezug, wie Reproduktionen von historischen Dokumenten, klassische (dokumentarische) Fotografie ein, als auch Werkzeuge, die Fiktionen erzeugen bzw. faktenbezogene Bilder in bestimmter Absicht editieren oder verändern können, z.B. neue digitale fotografiebasierte Werkzeuge wie KI- und Photoshop-Tools. Ich versuche so, dem Zusammenhang zwischen postfaktischen Tendenzen im Bereich der Gesellschaftspolitik, dem Ringen um Wahrheit und Deutungshoheit und den damit zusammenhänegnden Diskursen zum Thema „Wahrheit“ bzw. „Fake“ im Bereich der fotografischen und fotografiebasierten Bilder nachzugehen.

 

Die Arbeit ist von mir in mehreren Schichten konzipiert:

 

- Zunächst gibt es den Satz: „In democratic societies, the interaction between empirical facts and the moral and ethical frameworks through which they are interpreted plays a decisive role in shaping collective values and norms”, den ich auf Basis von akademischen, politikwissenschaftlichen Abhandlungen zum Thema Postfaktizität formuliert habe, wobei der Sprachduktus der Ausgangstexte erhalten bleiben sollte. Dieser Teil ist auf ist auf Mesh-Plane gedruckt.

 

- Weiterhin sind Reproduktionen historischer Fotos der Rossebändiger-Skulpturen aus dem Stadtarchiv Düsseldorf Teil der Installation. Die Scans der Originalfotos aus den Jahren 1937-1960 sind vom Stadtarchiv Düsseldorf ca. 1980 erstellt, und von mir als Inkjet-Prints in schwarzen Aluminiumrahmen realisiert. (Die offizielle Kennziffer der historischen Fotos als Text auf den Bildern sichtbar).

 

- Eine weitere Schicht bilden von mir selbst erstellte dokumentarische Fotos der Rossebändiger-Skulpturen, die auf PVC-Plane gedruckt sind.

 

- Eine nächste Schicht besteht aus mit generativer künstlicher Intelligenz und Photoshop bearbeiteten Fotos: Ich habe ein von mir erstelltes Foto der Rossebändiger-Skulpturen mithilfe von generativen KI-Tools bearbeitet, hierbei habe ich mithilfe von Text-Prompts die bestehenden Fotos verändert und die Skulpturen mit u.a. fiktionalen Graffiti- und Farbeingriffen versehen. Die Graffiti-Textfragmente habe ich teils selbst erdacht, teils stammen sie aus tatsächlichen Graffiti- und Protestaktionen im öffentlichen Raum:

 

- Beispielsweise ist der Slogan „Tear it down“ ein wörtliches Zitat eines Protestplakats vor dem neuen Humboldtforum in Berlin bei dessen Eröffnung am 20.7.2021, wo u.a. gegen den kolonialen Hintergrund des Museums demonstriert wurde.

 

- „Blau ist das neue Braun“ ist ein politischer Slogan bzw. Internet-Hashtag (bei Instagram), der von Parteien, zivilgesellschaftlichen Bündnissen genutzt wird, um auf den Zusammenhang der AfD zum historischen Nationalsozialismus hinzuweisen.

 

- „History will judge you“ ist ein allgemein verwendeter politischer Slogan und zitiert in diesem Fall die indische Autorin Arundhati Roy, die Aussagen zum Verhältnis von Kunst und Politik des Jurypräsidenten Wim Wenders während der Berlinale 2026 öffentlich kritisiert und ihre Teilnahme abgesagt hatte (Die Berlinale gilt als politisches Filmfestival, Wenders beantwortete die Frage eines Journalisten zum Gaza-Krieg mit „We cannot really enter the field of politics, we have to stay out of politics – we are the counterpart of politics“, woraufhin hitzige Debatten zum Verhältnis von Kunst und Politik und zum Thema Kunstfreiheit entbrannten).

 

- Etc.

 

- Auch habe ich mithilfe von generativer künstlicher Intelligenz Social-Media-Posts aus dem AfD-Umfeld mit Bildern der „Rossebändiger“-Skulpturen überlagert.

 

- Auch habe ich mithilfe von generativer künstlicher Intelligenz Fotos aus verschiedenen Zeitebenen und politischen Konstellationen miteinander verschmolzen, beispielsweise habe ich ein historisches Foto von 1937 aus dem Stadtarchiv mit einem 2025 von mir erstellten Foto überlagert.

 

- Weiterhin habe ich mithilfe von generativen KI-Tools Veränderungen im Erscheinungsbild der Skulpturen vorgenommen, Teile der Skulpturen sind (fiktiv) rückgebaut oder verändert.

 

- Ich habe schriftliche Original-Dokumente aus der Akte „Bestand 0-1-18 Schaffendes Volk“, Stadtarchiv Düsseldorf, mithilfe von KI-und Photoshop-Werkzeugen mit Fotos der Rossebändiger verschmolzen. Die Akte beinhaltet die historische Korrespondenz der Stadt Düsseldorf zur Ausstellung „Schaffendes Volk“, wobei ich vor allem die Korrespondenz der damaligen Stadtverwaltung und des Oberbürgermeisters zum Auftauchen der Rossebändiger-Fotos in der Ausstellung Entartete Kunst 1937 ausgewählt habe. Die Reproduktionen der Originale habe ich selbst erstellt.

 

Alle Schichten der Installation sind durch die Materialität zu Gruppen zusammengefasst bzw. voneinander separiert. (Work in progress, wird fortgeführt).

 

Michael Reisch, 3-2026

Work in progress: Moral_Staat_Norm

 

upcoming 10-2026: Projekt Kunst im öffentlichen Raum, LED-Wand: https://take-a-bow.art/

 

Für die Video- bzw. Textarbeit Moral_Staat_Norm habe ich ausgewählte Kombinationen von fundamentalen Begriffen aus dem Bereich der Politikwissenschaften gebildet und animiert. Die Arbeit ist für einen LED-Screen im öffentlichen Raum konzipiert, wobei ich den „öffentlichen Raum“ hier nicht allein als von Menschen gestalteten urbanen Raum verstehe, sondern als manifestierte, physische Erscheinung von gesamtgesellschaftlichen Aushandlungsprozessen in Vergangenheit und Gegenwart. Die Herausbildung von Begriffen wie beispielsweise „Moral“ und „Staat“ spielt eine fundamentale Rolle in diesen Aushandlungsprozessen, sie liegen als eine Art von Subtext den Abläufen, Handlungen, Routinen und Konflikten im öffentlichen Raum zugrunde, sie bilden die gesellschaftspolitische Matrix, die den öffentlichen Raum zwar konstituiert, normalerweise aber dort nicht sichtbar erscheint. Mit der Arbeit Moral_Staat_Norm versuche ich, eine (subjektive) Matrix im öffentlichen Raum sichtbar zu machen, was mich insbesondere vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftspolitischer Konflikte wie der Demokratie in der Auseinandersetzung mit demokratiefeindlichen Bewegungen, Autoritarismus und der neuen Rechten interessiert.

 

 

Michael Reisch, 4-2026