Die subjektlose Welt
Rolf Hengesbach
Das fotografische Werk von Michael Reisch besteht aus zwei Gruppen: der Werkgruppe 0/_ und der Werkgruppe 1/_. Die Werkgruppe 0/_ »Architekturen« schließt auch Landschaften ohne Gebäude ein, welche unserem städtischen Umraum entstammen, ohne dass Städtisches sichtbar ist. Die Arbeiten der Werkgruppe 1/_ hingegen zeigen Landschaftspanoramen unberührter Naturräume. Beiden Werkgruppen sind jedoch wichtige Merkmale gemeinsam: Es werden keine Menschen und keinerlei soziale Aktivität gezeigt. Die Welt scheint von den alltäglichen Verrichtungen befreit zu sein. Es gibt keine bewegten Dinge oder Bewegungsmomente – die Zeit steht still und die Welt ist erstarrt. Nirgends steht etwas herum. Keine Gegebenheit gibt Auskunft über das Chaotische, Nicht-Geplante des Alltags. Die Vielfalt menschlicher Bedürfnisse und Gefühle schlägt sich in dieser Welt nicht nieder. Es gibt keinen erzählbaren Verlauf, keine Spuren deuten auf Vergangenes. Die fotografischen Arbeiten von Michael Reisch haben auch keinen dokumentarischen Charakter, sie bilden weder einen bestimmten Zeitpunkt noch einen bestimmten Ort ab.
Reisch benutzt Motive, die er mit der Großbildkamera aufgenommenen hat. Der ursprüngliche Kontakt mit der Realität ist entscheidender Ausgangspunkt. Im zweiten Schritt digitalisiert er seine Vorlagen und bearbeitet diese am Computer. Er isoliert dabei vorgefundene Strukturen und legt ihre unterschwelligen Merkmale frei. Der Künstler radikalisiert so das gesamte Erscheinungsbild, vor allem bestimmt er durch diese Eingriffe das Verhältnis von innen und außen gänzlich neu. Bei den Architekturen betrifft dies das Verhältnis von Gebäudeinnerem zur äußeren Umgebung, bei den Landschaften die Frage, wie sich innerhalb der topografischen Modulation und der Flora sehnsuchterfüllende Orte konstituieren oder verdichten.
Warum transformiert Michael Reisch in seinen Arbeiten die menschlich belebte Welt in eine Welt struktureller Gebilde? Auf diese Frage lassen sich zwei unterschiedliche Antworten geben. Die erste hängt mit einer Aufarbeitung der massiven lebensweltlichen Veränderungen in den späten 1960er und 1970er Jahren zusammen, die ursprünglich die Utopien der Moderne für die Massengesellschaft realisieren wollten. Die zweite Antwort nimmt Bezug auf eine Bewertung dieses Projekts der Moderne: Ist die Herstellung universellen Glücks als Resultat verantwortungsbewussten Handelns erreichbar?
Michael Reisch gehört zu den Künstlern, die in den 1970er Jahren aufgewachsen sind und sich auf eine Welt einstellen mussten, die in ihrer äußeren Verfassung dem Menschen immer fremder wurde. Es ist das Jahrzehnt der Fertigstellung der architektonischen Großprojekte der 1960er Jahre. Ganze Stadtteile werden aus dem Boden gestampft und von einer diffusen Silhouette von Hochhäusern dominiert. Es gibt keine Perspektiven, die diese Strukturen im Ganzen erschließbar machen. Die richtungslos gebaute Welt ist nicht mehr auf den einzelnen Menschen ausgelegt. Reisch konfrontiert uns mit dieser Welt nicht mittels einer distanzierten Perspektive aus der Ferne oder von oben, sondern begibt sich auf die Augenhöhe des Betrachters, separiert die einzelnen Gebäude und stellt dem Betrachter die jeweilige Architektur als Pendant gegenüber. Der Künstler zeigt die Gebäude entleert, seelenlos. Es scheint kein Inneres zu existieren. Dabei wählt er Gebäude aus, die sich nicht durch Merkmale eines bestimmten Zeitstils besonders auszeichnen. Er neutralisiert die Gebäude, indem er sie auf ihre Struktur reduziert.
In der Welt des Bauens ist Beton zum Symbol der Zeit geworden. Diesen Baustoff kann man wegen seiner flüssigen Konsistenz nicht fassen. Er ist in beliebiger Weise vermehrbar. Die Strukturen werden nicht Stück für Stück gesetzt, sondern in einem Schwung gegossen. Sie bestehen aus einem strengen Raster von vertikalen Stützen und horizontalen Geschossbändern, in das die Öffnungen von Fenstern, Türen und Balkonen eingepasst sind. Die Welt der 1970er Jahre ist auf universelle technische Machbarkeit ausgerichtet. In der gelungenen Mondlandung erfüllte sich eine Utopie. Der Mensch dringt über den eigenen Planeten hinaus in ein unbekanntes Terrain vor. Städte wachsen unvorhersehbar und eigenmächtig.
Auch das Verhältnis von privater und öffentlicher Welt hat sich seit den 1960er Jahren maßgeblich verändert. Die Medien stellen eine neue Form von Öffentlichkeit her, die die räumliche Trennung von Privatbereich – Innen – und öffentlichem Bereich – Draußen – aufhebt. Wenn Reisch in seinen Architekturen den Bereich hinter den Fassaden, das Gebäudeinnere von individuellen Erzählungen freihält, dann hat dies mit der Tatsache zu tun, dass der öffentlich mediale Bereich den inneren Wohnbereich immer mehr durchdringt und die Schutzgrenze des Intim-Individuellen ins Unsichtbare verschwindet. In der medialen Öffentlichkeit nimmt Werbung eine immer wichtigere Rolle ein. Konsum wird zu einer öffentlichen Angelegenheit. Die Werbung bedient sich zweier Strategien, sie stellt das Äußere in den Vordergrund und schematisiert das Konsumerlebnis. Die Ware wird immer stärker dominiert von ihrem designten Äußeren, welches den vorherrschenden Vorlieben für Muster und Formraster angepasst wird. In der Aussicht auf das standardisierte Konsumerlebnis wird die Wahrnehmung äußerer Formstrukturen zu einem befriedigenden Erlebnis.
Michael Reisch ist nun nicht nur an einer verdichteten Beschreibung der Wirkungen der 1970er Jahre interessiert, sondern grundlegender an einer Diagnose des Projekts der Moderne. Dieses geht auf Veränderungen des Menschenbildes im Ausgang der Renaissance zurück, welche durch einen veränderten Stellenwert von Begriffen wie Person, Individualität, Subjektivität und Handlung in der Beschreibung des Verhältnisses von Mensch und Welt sichtbar werden. Das Zeitalter der Aufklärung radikalisiert diesen Umbruch. Die Gegebenheiten der Welt werden schärfer daraufhin befragt, was man als natur- beziehungsweise als gottgegeben hinnehmen muss, für was man Gründe und Verantwortlichkeiten einfordern kann und wie man die Gegebenheiten so aufeinander abstimmen kann, dass sie zweckdienlich sind. Die Durchsetzung eines zweckrationalen Denkens bedeutet, dass man die Verfügungsmöglichkeiten über die nötigen Mittel verstärken muss. Die Technisierung des 19. Jahrhunderts lieferte dafür zunehmend die Ressourcen. Deswegen stellte sich an seinem Ende immer radikaler die Frage, wie die Welt gemäß einer allgemeinen Zweckmäßigkeit umzugestalten und dem Menschen optimal dienlich zu machen sei. Im Ausgang des 20. Jahrhunderts stellen wir nun fest, dass Zweckrationalität sich in einen Funktionalismus umgewandelt hat. Die prozesshaften Abläufe menschlicher Unternehmungen sind so komplex geworden, dass sie immer mehr ein Eigenleben führen. Ob die Unternehmungen noch den Zweck erfüllen, zuträglich für ein gutes menschliches Leben zu sein, kann im Einzelfall gar nicht mehr entschieden werden. Ihr Wirken wird entweder als erfolgreich oder nicht erfolgreich beschrieben, der Erfolg resultiert aus der Durchsetzungsfähigkeit im internationalen Wettbewerb.
Reisch beschäftigt sich mit dem anonymen Gesicht solcher komplexer Gebilde. Er fokussiert auf ihre äußere Fassade, hinter der kein individueller Kern mehr erkennbar ist, sondern die nur aus ihrer eigenen Konsistenz und Formdynamik zu existieren scheint. Es sind Wesen, die unsere Welt bevölkern, sich unübersehbar in ständiger Abwandlung vermehren und dabei eine Dynamik entfalten, die wir nur noch passiv registrieren, aber nicht mehr verstehen. Die Gebilde führen ein Eigenleben. Ihre Zweckdienlichkeit entzieht sich uns, sie werden uns fremd und in ihrem Ausmaß und ihrer Komplexität bedrohlich. Die Moderne war als die Utopie der Verwirklichung einer zweckdienlichen Welt für den Menschen angetreten. Je mehr sie die Ressourcen dazu entwickelt hat, desto mehr entwickelt die Aufrecherhaltung der Ressourcen ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten. Die Organisation der Abläufe ist so komplex geworden und die wechselseitigen Abhängigkeiten so miteinander verzahnt, dass menschliches Einwirken zunehmend als Störung erscheint.
Auch unsere Vorstellungen von Natur haben sich verändert. Mit dem Naturbegriff waren zwei unterschiedliche Denkmuster verknüpft, die sich in unseren Vorstellungen von Landschaft widerspiegeln: Landschaft kann das Ursprüngliche, das Nahe, das friedliche und harmonische Miteinander von Flora und Fauna genauso meinen wie das Gewaltige, Ungeheuerliche, das Abgründige, das Ferne, das Unendliche. Beide Pole haben sich nivelliert. Landschaft ist uns völlig vertraut geworden. In allen ihren Schattierungen wird sie medial reproduziert und als Modelliermasse dazu benutzt, das beglückend Einfache wie auch das uns Erschauernde als standardisiertes Touristik- oder Computerspielerlebnis zu reproduzieren.
Reischs Arbeiten zeigen eine Welt ohne Widerstände und auch eine Welt ohne Betrachter. Zwar haben die Bildformate eine ähnliche Größe wie der Betrachter, die Bildgegenstände aber führen diesem vor Augen, dass sie sich zu einer fremden Spezies entwickelt haben, deren Kontrolle ihm zunehmend entgleitet. Bei den Gebäuden steigert sich die Präsenz von Struktur zu etwas Unheimlichen. Bei den Landschaften wandelt sich die topografische Modulation und der grüne Bewuchs in die Eigendynamik einer Biomasse um. Beides ist vom menschlichen Zugriff entkoppelt und in einem ständigen unterschwelligen Wachstum begriffen. Diese in einem autonomen Formprozess begriffene Welt bietet keinen Vergleichsstandpunkt mehr an. Es ist eine in sich totalisierte Welt, in der man Wirkungen oder Folgen von Ereignissen nicht mehr präzise beobachten kann. Michael Reisch hat dafür eine treffende Ikone geschaffen – das Bild von der grünen Wiese, die sich zu allen Seiten hin ausdehnt, ohne dass hier eine Begrenzbarkeit des Ausdehnungspotenzials festgestellt werden könnte. Es ist die Welt ohne Kontext oder Einordnung in einen größeren Zusammenhang. Die Strukturen wuchern aus sich selbst.
Michael Reischs Arbeiten der Werkgruppe 0/_ »Architekturen« haben zunächst etwas Verfängliches. Man ist unsicher, worum es eigentlich geht. Für Modelle sind sie zu wirklichkeitsnah und für die Dokumentation zu abstrakt. Weder vor noch in den Häusern sind Menschen zu sehen. Stockwerke sind nicht voneinander zu unterscheiden, alle Spuren menschlichen Lebens wie Gardinen, Pflanzen, Lampen, Liegestühle, Satellitenschüsseln oder Sonnenschirme auf den Balkonen wurden beseitigt. Keine Tiere streunen herum, keine Spatzen pfeifen von den Dächern – die Welt ist ausgestorben. Reisch untersucht ihre zunehmende Subjektlosigkeit. Bei genauer Betrachtung wird man feststellen, dass der Künstler seine Häuser so fotografiert, dass ihr Zugang entweder nicht sichtbar oder so nivelliert ist, dass er sich von anderen Öffnungen in der Hauswand nicht unterscheidet. Seine Architekturen kann man nicht betreten, ihre Verwendungsweise ist nicht erkennbar. Diese Paradoxie kann Michael Reisch nur mit dem Mittel der Fotografie einlösen: Fotografie verspricht den dokumentierten Wirklichkeitsabdruck. Der Betrachter findet in Reischs Bildern Vertrautes. Er kennt alle Details der dargebotenen Wirklichkeit. Zugleich wird ihm aber deutlich, dass diese Welt keinen Ort mehr bietet. Es ist eine heimatlose Welt, ohne Verweilmöglichkeiten. Die Architekturen wandeln ihre Fassaden zu Membranen, die einen Innenkörper versprechen, der aber nicht sichtbar wird. Der Künstler tariert die dargebotene Form so aus, dass sie nicht willkürlich erscheint. Er reduziert sie auf ihre Faktizität und schafft es gleichzeitig, ihr die Magie eines fremden Wesens zu geben. Die Form wird zu einem Alien, von dem wir nicht wissen, was sich hinter der Fassade befindet. Mitverantwortlich für die Suggestion der Selbstverständlichkeit des architektonischen Gebildes ist die Art, wie Michael Reisch seine Architekturen mit dem Umraum vermittelt. Eines der Grundprobleme von Architektur ist die Einpassung des neuen, künstlichen Gebildes in und auf dem Boden. Es berührt nicht nur die Frage des Zugangs, der Öffnung und des Schutzcharakters eines Gebäudes, sondern auch die seines Stands, seiner Herrschaft über den Umraum und die Frage nach seiner Gründung, nach seinem Fundament. Der Künstler blendet diese strukturellen und sozialpsychologischen Fragen bewusst aus, indem er seine Gebäude von einem Sockel aus Rasen- und Grünpflanzenflächen umgeben lässt und dadurch die Suggestion einer natürlichen, nicht-menschlichen »Gewachsenheit« aus dem Boden heraus verstärkt. Er nutzt zudem den zeitlichen Aspekt von Natur als einem kontinuierlichen Prozess des Entstehens und Vergehens. Wachsen ist einer kalkulierten Zeit, einer Handlungszeit enthoben, es kennt keine markanten Zäsuren, hat keinen eindeutigen Anfang und kein eindeutiges Ende – im Gegensatz zur Welt des Handelns, in der es die Planungszeit, die Realisierungszeit und die Fertigstellung gibt.
Natur kommt in Arbeiten der Werkgruppe 0/_ nur als Umraum, nicht als Kontext vor. Sie formt keinen spezifischen Ort im Sinn einer Unterscheidbarkeit von anderen Orten. Die Natur versinnbildlicht hier die Vorstellung eines subjektlosen Wachstums oder Wucherns. Sie hat keine eigene Dimension und ist auch zu geringfügig, um dem architektonischen Gebilde als Kontrast gegenüberzustehen. Die Natur ist hier nicht Landschaft. Die Umgebung wirkt echt und doch entbehrt sie der Kraft zur Individualität. Ihr fehlt die individuelle Geschichte. Natur ist hier widerstandsloser Umraum der Welt neuer, fremder Wesen.
Die großformatigen Landschaftspanoramen der Werkgruppe 1/_ verfolgen eine andere Intention. Sie beschäftigen sich nicht direkt mit der Schärfung des Blicks auf unsere lebensweltlichen Realitäten, sie haben es mit der Gestalt unserer Wunschvorstellungen zu tun, auf die sowohl das Manipulationspotenzial unserer heutigen Welt wie auch die alten mit Landschaft verbundenen Utopien einwirken.
Der Begriff Landschaft ist als Wunschweltbegriff in der Menschheitsgeschichte erst in der Renaissance ausgebildet worden. Er stellte einen Gegenbegriff zur politischen Wirklichkeit der italienischen Stadtstaaten dar. In der italienischen Malerei kann man verschiedene Modelle von Landschaft unterscheiden: Das »Modell Arkadien« verbildlicht die Utopie des Staates als offene Gemeinschaft freier, gleicher Hirten, die ein einfaches, karges aber heiteres Leben führen. Landschaft ist hier der offene Raum ohne größere Barrieren und Widerstände. Das »Modell Paradies« benennt das vor-soziale Modell. Hier gibt es noch keine Verbindung verschiedener Menschen, die in einem offenen Raum verstreut sind. Sozialität ist reduziert auf die Ur-Einheit, die direkte Nähe der Geschlechterbeziehung. Dieses Modell bezeichnet den eingehegten, geschützten Raum innerhalb der Landschaft, in dem alle benötigte Reichhaltigkeit vorhanden ist. Das »Modell Sizilien« ist dagegen das Modell des gestaffelten, reichen Gartens mit seinen vielen kleineren Abteilungen. Hier geht in einer harmonischen, arbeitsteiligen Welt jeder seiner spezifischen Verrichtung nach, ohne dass es zu Konkurrenz- oder Hierarchieproblemen kommt. In dieser Landschaft sind verschiedene topografische Landschaftsräume zu einem harmonischen Ganzen zusammengefasst. Im 19. Jahrhundert verändert sich der Landschaftsbegriff. An die Stelle von Sozialutopien treten individualpsychologische Utopien, die auch heute noch nachwirken. Die Romantik entwirft die Utopie der Sehnsucht nach einer fernen Erlösungsjenseitigkeit. Parallel dazu entsteht die Utopie eines Sichergreifenlassens von der extremen Herausforderung, vom Ringen mit der ungeheuerlichen Aufgabe, vom Bewältigen der übermächtigen Naturgewalt.
Offene, zusammenhängende Weite, umschlossene Lichtung, abwechslungsreiche topografische Folge, unerreichbare Ferne und fremdartige Naturgewalt – alle diese Elemente spielen in unterschiedlicher Akzentuierung in Reischs Landschaftsarbeiten eine Rolle: Eine Abfolge von runden, weichen Hügeln erstreckt sich weit in den Bildraum hinein. Die Hügel sind mit einem Teppich aus grünem, niedrigem Bewuchs, Gras überzogen. Einen markanteren Kontrast bilden kleine Gruppierungen von höherem Bewuchs, Sträucher oder Bäume, die das fließend Sanfte der Hügelwelt wie kleinere, nervösere Strudel mit einem kräftigeren, dunkleren Grün durchziehen. Die Landschaften scheinen sich ungebremst ausdehnen zu können. Wie das Grün des flachen Bewuchses nach allen Himmelsrichtungen strebt, so wandert auch der Blick des Betrachters, ohne dass sich ihm Widerstände in den Weg stellen. Es gibt in den Landschaften einen Sog in den Horizont, aber auf diesem Weg keine Verweilorte, und daher wird der Blick auch nie aufgehalten und zu einem längeren Betrachten eingeladen. Die Vorherrschaft des quellenden Grüns wird an keiner Stelle gebrochen. Lediglich seine Farbigkeit verschiebt sich vom kräftigen Gelb des Vordergrunds zu Blau gegen den Horizont hin. Die topografische Modulation ist in manchen Arbeiten erheblich, Brüche oder Widerstände treten aber nicht auf. Die Landschaften haben vielmehr einen einheitlichen Charakter in der Suggestion der Sich-selbst-Formung. Zwar deutet kein zeitliches Moment darauf hin, dass sich im nächsten Augenblick irgendetwas verändern könnte, jedoch vermittelt das kräftige Grün den Eindruck, dass Wachstum und Neuformung nicht nur die einzelne Pflanze oder den einzelnen Grashalm, sondern die gesamte Landschaft in ihrem topografischen Charakter betreffen könnte. Michael Reischs Landschaften scheinen sich auf eine unberechenbare Weise selbst zu gestalten. Sie unterscheiden sich damit nicht mehr vom Umgestaltungspotenzial heutiger Großstädte mit dem allgegenwärtigen Beton als Modelliermasse. Im urbanen Umfeld nehmen die komplexen anonymen Umformungsprozesse an unvorhersehbaren Stellen und in unvorhersehbarem Umfang ihren Lauf. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts treten anstelle des handelnden Menschen anonyme Organisationen oder Konzerne. Zur Beschreibung ihres Wirkens werden nicht mehr Handlungsbegriffe, sondern Metaphern aus dem Bereich der Natur zu Hilfe genommen. Wachstum wird zu einem Universalparameter. Reischs Werkgruppen 0/_ und 1/_ beschreiben die Konvergenz der beiden ursprünglich polar zueinander stehenden Welten von Handeln und Natur.
Auch heute ist Landschaft immer noch ein Raum, in dem der Mensch sich ergeht, entweder in der Hoffnung, zeitweilig Frieden zu finden oder von Weite, Offenheit und Fremdheit sich herausfordern zu lassen. Hat aber unser Vorstellungsbegriff von Landschaft noch die Kraft eines utopischen Gegenmodells zur heutigen Lebenswelt? Michael Reischs Landschaften machen deutlich, dass die Faszinationskraft von Landschaft ungemindert ist, dass sich aber in unserer Vorstellungswelt ein unterschwelliges Gegengift angesammelt hat. In dem Maße, wie Landschaft als Ort der Ansammlung von Sehnsüchten in unserer Medienwelt ausgereizt wird, hat sie sich mit den Vorgängen unserer gegenwärtigen Welt infiziert und sich zu einem biomorphen Wachstumsgebilde entwickelt, welches ähnlichen unverständlichen Wachstumsmanipulationen ausgesetzt ist wie die Strukturen unserer gegenwärtigen Gesellschaft. Die offene Landschaft ist menschenleer. Ihre Weichheit, ihre Dehnungsfähigkeit, ihre sich ausstülpenden Hügel bergen eine neue Dimension des Unheimlichen. Das scheinbar Weiche und uns Behagliche garantiert uns keine Zuverlässigkeit und keinen sicheren Ort. Die makellose Oberfläche gibt uns, ähnlich denen der genmanipulierten Welt, keinen Aufschluss über die internen Zusammenhänge. Landschaft wird zu einer Fata Morgana, die uns in den Zustand einer subjektlosen Ohnmacht versetzt.
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