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Auf den ersten Blick erscheint die Landschaft vertraut: Ein Pfad schlängelt sich durch ein Tal im Hochland, in der Ferne ist ein blauer Gipfel mit verschneiter Spitze zu sehen. Die Form der Landschaft ist tröstlich, ein nationales Urbild, das als Silhouette in meinem Gedächtnis fest verankert ist. Es ist sogar ursprünglich, eine natürliche Quelle, der tausende öffentliche und private Geschichten entspringen. Aber irgendetwas ist hier komisch, die Morphologie der Landschaft stimmt nicht. Der Umriss der Berge ist ganz leicht verändert, ein entfernter Gipfel ist in die Mitte gerückt und zu leicht zu sehen. Auf Knopfdruck habe ich Hunderte von digitalen Bildern dieser Szenerie, die ich vergleichen kann. Auch der Boden ist anders in Szene gesetzt; seine Narben und Falten wurden verändert, und eine Reihe von Bäumen wurde versetzt. Am auffälligsten ist jedoch, dass die Straße, die durch das Tal führt, verschwunden ist. Ich finde einen Link zu einer Verkehrs-Webcam, die aktuelle Bilder liefert – die Bestätigung in Echtzeit! Michael Reisch hat die Landschaft in ein erfundenes Terrain verwandelt, das uns in die Irre führt. Seine Sicht konstituiert nicht so sehr die Konstruktion einer Welt aus dem Nichts als vielmehr einen Raum, der sich aus Unwägbarkeiten zusammensetzt. Sie ist vor allem beunruhigend. Der Genius loci weicht der Terra incognita des 21. Jahrhunderts.
Dieses Buch ist Reischs zweite veröffentlichte Sammlung von Fotografien und stellt eine faszinierende Entwicklung innerhalb seines Werkes dar. Seine üppigen und schillernden Blicke, die auf Auge und Verstand so einladend wirken, sind nun durch ein isolierteres und formal anspruchsvolleres Terrain ersetzt. Verschwunden sind die langen Schatten unendlicher Sommer, eine überhöhte Manifestation – Walter Benjamins »sonderbares Gespinst von Raum und Zeit«, das uns wie zufällig in eine glückliche Welt zieht.1 Stattdessen begegnen wir unfruchtbaren, mondähnlichen Oberflächen, hart und unnachgiebig, oder kalten Bergen mit Schneefeldern und von Gletschern umgeben. Vor allen Dingen sieht man überall Fels. Von Eis oder Vegetation kaum verdeckt, offenbart jede Fotografie die physische Grundlage, das elementare Substrat unserer Welt. Es sind brutale Landschaften, in denen menschliches Leben nicht mehr vorstellbar ist. Wenn die Natur eine grundlegende Kraft ist, dann ist sie jetzt bedrohlicher, weniger bewohnbar und offensichtlicher ein Ort, an dem die Menschheit fehlt.
Verschwunden ist außerdem die Thematik der Architektur, und an ihre Stelle ist eine natürliche Morphologie getreten, die eindeutiger architektonischer Natur ist, eine Landschaft, die zugleich organisch und konstruiert ist. Auf den Fotografien von Felsformationen wird die Geologie kühn überarbeitet, sie wird von ihrem traditionellen Aussehen befreit und digital in eine anspielungsreiche Geometrie verwandelt. Strukturelle Elemente spiegeln sich in anderen Landschaften wider und lassen eine epische Spannung zwischen irdischer Plastizität und abstrakten, symbolischen Formen entstehen. Diese letztere Beziehung erscheint mir von besonderer Bedeutung zu sein. In diesem vorliegende Buch verkörpern Reischs Bilder auf eigenständigere Weise die Dialektik der Natur: das Ziel (durch Repräsentation) der menschlichen Natur, ihr Verlangen nach Kultur (Gegen-Natur) und Abstraktion; und die Natur als Quelle, als den Ort, aus dem die Menschen – unsere Geschichte, unser kreatives Potenzial – hervorgehen.2 Dies sind faszinierende und ergiebige Grundlagen, auf denen Reischs aufwendige Arbeit der digitalen Verwandlung basiert.
Sein Umgang mit Landschaft ist weniger denn je eine überhöhte Kontemplation. Er fordert uns auf, philosophisch zu denken und zu sehen.
Diese Art zu sehen hat Tradition und wurde am vollständigsten in der Romantik zur Vollendung gebracht, und so überrascht es vielleicht nicht, wenn romantische Urbilder in Reischs aktuellen Arbeiten ausdrücklicher heraufbeschworen werden. Seine visuelle Methode hat zwei grundlegende Charakteristika, die sich jeweils auf frühere ästhetische Ansätze sowie das Verlagen, eine andere Welt zu simulieren, beziehen. Das erste ist das digitale Entfernen aller Anzeichen einer sozialen Infrastruktur oder Kultivierung (Straßen, Zäune, Skilifte, Menschen, Schafe), aller Spuren des Alltäglichen. Indem wir alle Überreste des täglichen Lebens abschälen, nähern wir uns der Natur in ihrem ursprünglichsten Zustand, eine Landschaft wie aus einer anderen Welt, die vor allem durch die Abwesenheit des Menschen gekennzeichnet ist. Röntgenaufnahmen von Caspar David Friedrichs berühmtem Gemälde Mönch am Meer von 1808/1810 zeigen, dass auch er Boote vom Horizont entfernt und seine Figur auf diese Weise dazu verdammt hat, der unermesslichen Leere der Natur allein entgegenzutreten. Eine hübsche Aussicht verwandelt sich in eine Szene des ursprünglichen Verschmelzens, die einen Genuss hervorruft, der aus dem Gefühl der Einheit mit einem unendlichen Universum entsteht. Reischs Bilder spiegeln diese Faszination mit der Möglichkeit eines unvermittelten Sensoriums – eine Landschaft, die sowohl endlich als auch grenzenlos ist. Sie beschwören die Gegenwart des Menschen durch Abwesenheit, sowohl Verzauberung als auch Abgrund.
Die Darstellung romantischer Landschaften ist immer das Ergebnis einer imaginativen Transformation gewesen, die Erschaffung einer Welt, die – der Definition von Samuel Johnson aus dem 18. Jahrhundert folgend – »Romantick«, also »wild«, »abstrus« oder »unwahrscheinlich« ist. Für die Künstler der Romantik konnte eine unveränderliche, das Alltägliche übersteigende Ordnung durch abstrakte Strukturen hervorgerufen werden: die Reinheit von Kreisen oder anderen Mustern, die unnatürliche Ordnung oder elementare Klarheit bieten. Das war William Blakes »schreckliches Ebenmaß«, eine Vorahnung des Kosmischen innerhalb der Darstellungen des Mondänen. Es war eine Harmonie, oftmals versteckt, welche die Dialektik der Natur zu lösen und eine ursprüngliche, verloren gegangene Einheit von Menschheit und Umwelt zu entdecken schien. Es war ein ästhetischer Ansatz, der gegen die Entzauberung durch eine aufkommende, kapitalistische Moderne verfolgt wurde: die Quantifizierung, Mechanisierung und das Voranschreiten rationalistischer Berechnung. Die romantische Landschaft stellte einen Versuch dar, sich eine Einheit mit der Natur wieder vorzustellen.
Auch Reisch verwandelt seine Landschaften durch das Auferlegen von Geometrie (dies ist das zweite, grundlegende Charakteristikum). Er entwirft Formen, die auf natürlichen Bezugspunkten basieren, und synthetisiert sie in den Landschaften durch digitale Vervielfältigung. Kaum wahrnehmbar mutiert die organische Form zu etwas Artifiziellem. Hochauflösende Bilder und leistungsstarke Software liefern Details, die beinahe Halluzinationen hervorrufen, ein intensiver Kontrast zwischen Nähe und Distanz. Langsam nehmen wir diese Fotografien auf, sie geben nicht länger die natürlichen Formen wieder, die sie eigentlich darstellen sollten. Die Natur gleicht zu sehr einer Erfindung, ist zu offensichtlich künstlich. Anders als bei seinen romantischen Vorfahren lassen Reichs Landschaften keine alles übersteigende Absicht zu und sind auch frei von jeder symbolischen Harmonie. Stattdessen fördern sie Dissonanz und Selbstzweifel. Seine Bilder berichten von einem menschlichen Zustand der Entfremdung von der Natur ohne Hoffnung auf Erlösung. Das Rad der romantischen Darstellungen dreht sich noch immer, aber das Entrückte erscheint nun, als sei es offensichtlicher vermittelt. Die Natur als etwas Tiefes und Ursprüngliches ist nicht länger greifbar. Sie ist einer Techno-Logik unterworfen, die auf beunruhigende Art und Weise sogar das Vermögen der menschlichen Abstraktion zu überschreiten scheint.
In seiner Ästhetik des Verschwindens beschreibt Paul Virilio die biblische Allegorie der Vertreibung aus dem Paradies als etwas, das weniger auf einem Akt der sexuellen Verführung beruht als auf einer dramatischen Umorganisation des Sehens, denn das Sehen wird »auf brutale Weise gestört, wodurch sich die Erscheinung der Welt […] völlig verändert«.3 Stellen Reischs Fotografien eine moderne Vertreibung aus dem Paradies dar, wenn wir eine Welt betreten, in der das Reale virtuell wird, ein Wechsel, der durch eine »merkwürdige Abfolge visueller Phänomene« gekennzeichnet ist? Werden wir auch aus dem Garten Eden verjagt, angetrieben durch den Trost der romantischen Sicht auf die Welt und durch die Ekstase der Vereinigung mit der Natur? Vielleicht verdammt uns der Künstler zu einer Landschaft immerwährender Illusion, einem Universum, in dem empfindsame Einzelheiten digital manifestiert werden, in dem das Bild realer ist als die reale Welt, die es zu repräsentieren behauptet. Sein Paradies ist das genaue Gegenteil eines irdischen Paradieses, ein Ort, an der erfahrbare Nähe auf eine Wüste von digitalen Chiffren reduziert wird. Um mit Virilio zu sprechen: Die Gefahr besteht darin, dass die Technologie in dem »disappearance of consciousness as the direct perception of phenomena that inform us of our own existence« resultiert. Heutzutage ist es die vermittelte Wahrnehmung, die in immer stärkerem Maße Erfahrung darstellt. Reischs Landschaften arbeiten daran, den Trost des romantischen Verschmelzens mit der Natur auslöschen.
Vielleicht ist jedoch Virilios Phänomenologie der Technik eine übertriebene Dystopie: Reischs Fotografien sind weniger ein Auslöschen der romantischen Aufwertung der Erfahrung als ein Ausdruck ihrer Rekonstitution. Sein Abtragen der Spezifität eines Ortes, des Genius loci, adressiert eine aktuelle Unbehaustheit, die Unmöglichkeit einer harmonischen Assimilation von Mensch und Umwelt. Digital erstellte Landschaften vermitteln das Gefühl, wie Frederic Jameson argumentiert hat, dass die Welt sowohl zu komplex als auch zu vielschichtig ist, um durch die Beschränkungen gelebter Erfahrung angemessen verstanden zu werden. 4 Sogar um unsere direkte Umgebung zu verstehen, brauchen wir die Unterstützung der Vorstellungskraft. In einer globalisierten Welt, in der die Erfahrung von
Raum und Zeit ständig umformuliert wird, wird die Abstraktion des Raumes zu einem Mittel der eigenen Verortung.
Reischs Fotografien verweisen darüber hinaus auf ein substanzielles Hindernis auf dem Weg ins Paradies: eine globale Ökologie, die in der Krise steckt, inklusiver einer dramatischen Intensivierung der Produktion der Natur an sich. Heute mutiert die soziale Realität der Natur sogar noch schneller. Der Geograf Neil Smith hat darauf hingewiesen, dass sie teilweise von einer »Explosion ökologischer Kommodifikation und Kapitalisierung« angetrieben wird.5 Finanzierte Kredite (für Feuchtgebiete und Kohlenhandel et cetera), Bio-Prospecting (durch das die Firmen genetische Materialien suchen, die sie sich patentieren lassen können), Ökotourismus und die Erschaffung genetisch veränderter Organismen legen nahe, dass unsere Zukunft, und bereits die Biopolitik unserer Gegenwart, mit aller Macht diejenige von künstlich geschaffenen Landschaften ist. Die romantische Suche nach der reinen Natur – einer Natur außerhalb sozialer Formen – ist nun nicht mehr vorstellbar. Die Natur hat sich in der Abstraktion verloren, und die Kreativität der romantischen Dialektik ist geschwächt.
Reischs Fotografien entstehen also auf den »Ruinen« der romantischen Erfahrung.6 Sein Ansatz verfolgt die Absicht der Entfremdung, er setzt die neuen Technologien ein, um die abgenützten Chiffren der Landschaftsdarstellung wie auch die positivistischen Fantasien und Vorstellung aus der Kolonialzeit von der Beherrschung oder Kontrolle der Natur neu zu formulieren. In dieser Hinsicht führt der Künstler die Auflehnung gegen die Mechanisierung und Entmenschlichung fort, die für die romantische Sicht der Welt von zentraler Bedeutung waren. Er verfolgt einen kritischen Irrealismus, in dem die digitale Verarbeitung die Landschaft als eine fantastische Idee von Kunst und Natur neu definiert und so Aspekte unserer Welt beleuchtet. Es ist eine Ästhetik, die eine in der Tradition von Marx und Benjamin stehende Dialektik befördert, in der die »Technologie die Entfremdung fördert, jedoch nur, um die Entfremdung in die Grundlage für gesteigertes Bewusstsein und Solidarität umzuwandeln«.7 Terra incognita wird zu einem Gebiet, das sowohl gemeinschaftlich als auch kritisch untersucht werden soll.
In einer Textpassage über die Rolle des Kinos bei der Aufrechterhaltung von Klischees bestätigt Gilles Deleuze die Rolle der romantischen Künstler, die dies zuerst erkannt und kritisiert haben. Vor allem verunglimpflicht das Klischee durch den Zusammenbruch von Bewusstsein und äußerer Realität den Gedanken:
Nicht als Klischees, überall Klischees … […]. Diese freischwebenden Bilder, diese anonymen Klischees zirkulieren in der Außenwelt, durchdringen aber jeden von uns und konstituieren unsere Innenwelten […]. Damit die Leute sich selbst und die Welt ertragen, muß das Elend ins Innere des Bewußtseins gedrungen und das Innere dem Außen gleich geworden sein.8
Was Blake als diese »ganze Organisation des Unglücks« diagnostiziert hat, ist noch viel mehr die bestimmende Eigenschaft unserer heutigen visuellen Ökonomie, weil das digitale Bild fortfährt, jeden Winkel unseres Planeten zu kolonisieren und ihn mit erstaunlicher Kraft und Geschwindigkeit zu vervielfältigen. Mehr noch als sein Vorgänger, das Kino, durchtränkt die einfache, unsymbolische Verwendung digitaler Dokumente unseren Alltag und bietet uns Millionen von Landschaften an, die wir ohne Wertung aufnehmen. Es ist gut möglich, dass die »treibenden Bilder« unserer globalen Gegenwart nur dazu dienen, unsere Wahrnehmung zu blockieren und so eine bereits gefährlich technologisierte Natur heimisch machen. Reischs Landschaften kennzeichnen einen Umweg zu einer anderen Zukunft. Sie regen durch das Wunder eines Territoriums, das wir niemals wirklich kennen können, kritische Befreiung an.
Duncan Forbes ist Kurator für Fotografie an den National Galleries of Scotland und Honorary Research Fellow an der School of Art History der University of St. Andrews. Er hat sich auf das 19. Jahrhundert spezialisiert und schreibt regelmäßig Artikel über zeitgenössische Fotografie. Seine neuesten Aufsätze und Rezensionen sind in den Publikationen History of Photography, History Workshop Journal, Oxford Art Journal, Portfolio und Third Text erschienen.
Anmerkungen
1 Walter Benjamin, »Kleine Geschichte der Photographie«, in: Das Kunstalter im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, Frankfurt am Main 1963, S. 45–64, hier S. 57.
2 Henri Lefebvre, »Nature and Nature Conquered«, in: Einführung in die Modernität. 12 Präludien, Frankfurt am Main 1978, S. 132–156.
3 Paul Virilio, Ästhetik des Verschwindens, Berlin 1986, S. 86.
4 Frederic Jameson, »Cognitive Mapping«, in: Marxism and the Interpretation of Culture, hrsg. von Cary Nelson und Lawrence Grossberg, Urbana und Chicago 1988, S. 347–360.
5 Neil Smith, »Nature as Accumulation Strategy«, in: Socialist Register 2007. Coming to Terms with Nature, London 2006, S. 25.
6 Siehe Matthew Wickman in: The Ruins of Experience: Scotland’s »Romantick« Highlands and the Birth of the Modern Witness, Philadelphia 2007, S. ##.
7 Ebd., S. 142. Zum Vermächtnis des kritischen Irrealismus in der romantischen Kunst siehe Michael Löwy, »The Current of Critical Irrealism. ›A Moonlit Enchanted Night‹«, in: Adventures in Realism, hrsg. von Matthew Beaumont, Oxford 2007, S. 193–206.
8 Gilles Deleuze, Kino 1. Das Bewegungsbild, Frankfurt 2008, S. 279.
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